Eines der bekanntesten Experimente der Psychologie zeigt: Wer gebeten wird, in einem Video die Ballwechsel zweier Teams zu zählen, übersieht in der Regel den Gorilla, der währenddessen durchs Bild spaziert. Die Aufmerksamkeit ist so stark auf den Ball gerichtet, dass alles andere kaum mehr wahrgenommen wird. Derzeit scheinen die Finanzmärkte ihre eigene Version dieses Experiments zu spielen. Die Rolle des Balls hat die künstliche Intelligenz, kurz KI, übernommen.
Die grundsätzliche Faszination dafür ist berechtigt. KI verändert bereits heute, wie wir arbeiten, produzieren und kommunizieren. Sie hat das Potenzial, neue Geschäftsmodelle zu schaffen und langfristig die Basis für Wirtschaftswachstum zu legen. Die Märkte haben das registriert. Im vergangenen Monat hat die Euphorie erneut zu massiven Kurssprüngen geführt, allen voran bei Anbietern von KI-Infrastruktur – von Chipherstellern bis hin zu Cloud-Anbietern. Damit haben diese Unternehmen die ansonsten stagnierende Marktentwicklung ins Plus gehoben, besonders deutlich in Japan, Taiwan und Südkorea, aber auch in den USA. Auch unsere Kundenportfolios konnten an dieser Entwicklung teilhaben.
Der nüchterne Blick lohnt sich dennoch. Denn die Bewertungen vieler Technologieunternehmen sind bereits vor den jüngsten Kursanstiegen sehr hoch gewesen und spiegeln Gewinnerwartungen in der Zukunft wider, die meist nur unter einer marktbeherrschenden Stellung einzelner Unternehmen realistisch erscheinen. Der Wettbewerb ist jedoch intensiv, sowohl bei den Herstellern von Chips und Infrastruktur als auch bei den Entwicklern von KI-Anwendungen. Welche Unternehmen, welche Technologien und welche Lösungen sich langfristig durchsetzen werden, ist zudem weiterhin offen. Technologische Umbrüche haben stets auch Verlierer hervorgebracht.
Dabei geraten in der KI-Euphorie zahlreiche weitere Belastungen aus dem Blickfeld. Der Krieg am Golf ist weit von einer Lösung entfernt. Die blockierten Transportwege bremsen die Weltkonjunktur und heizen die Inflation weiter an. In den USA liegt sie mittlerweile bei 3,8 Prozent. Hinzu kommt eine US-Regierung, die zentrale Institutionen unter Druck setzt und Verbündete verunsichert, sowie Regierungskrisen in Deutschland und Grossbritannien. Die globalen Obligationenmärkte haben darauf bereits spürbar reagiert. So sind beispielsweise die Verfallrenditen 10-jähriger US-Staatsanleihen auf 4,5 Prozent geklettert. Die Aktienmärkte hingegen haben davon kaum Notiz genommen, obwohl gerade die hoch bewerteten Wachstumstitel bei steigenden Zinsen besonders exponiert sind.
Angesichts dieser komplexen Ausgangslage bleiben wir bei unserer vorsichtigen Haltung gegenüber dem US-Markt, der von wenigen hoch bewerteten Technologietiteln dominiert wird. Stattdessen setzen wir verstärkt auf substanzstarke Unternehmen weltweit mit solideren Bewertungen. Diese breitere Aufstellung hat uns in den vergangenen Monaten geholfen, an der positiven Marktentwicklung überdurchschnittlich teilzuhaben, ohne übermässig in den teuersten Segmenten des Marktes engagiert zu sein. Dem unsicheren Umfeld tragen wir zudem Rechnung, indem wir Gold und Schweizer Immobilien in einem höheren Anteil halten als üblich.