Inflation ist ein hartnäckiges Phänomen. Diese alte Weisheit mussten die Zentralbanken der grossen Industrienationen gerade wieder erfahren. Wer gehofft hatte, dass die Inflation nach Corona- und Energiepreis-Schock wieder von allein auf die Zielwerte fallen würde, wurde enttäuscht. In den USA liegt die Teuerung mittlerweile wieder über 4 Prozent. Das Inflationsziel liegt dagegen auf oder unter 2 Prozent.
Der letzte Anstieg ist auch nicht allein auf die im Rahmen des Irankrieges gestiegenen Energiepreise zurückzuführen. Auch die um diese Faktoren bereinigte Kerninflation ist in den USA im letzten halben Jahr um 0,5 Prozent auf 2,9 Prozent angestiegen. In Grossbritannien und der Eurozone liegt sie bei 2,5 Prozent. Dementsprechend wird auch ein nachhaltiges Schweigen der Waffen nicht zu einer wesentlich tieferen Teuerung innerhalb der Zielwerte führen. Nicht nur die amerikanische FED ist gefordert. Die europäischen Zentralbanken haben unterdessen bereits mit Zinserhöhungen begonnen.
Höhere Zinsen sind aber Gift für die Aktienmärkte. Diese sind bisher sehr gut gelaufen, in den letzten Wochen aber zunehmend auf einer Achterbahnfahrt. Auf der einen Seite stehen die Verheissungen der neuen Technologien. Auf der anderen Seite ist klar, dass steigende Kurse bei steigenden Zinsen ein eher unwahrscheinliches Szenario sind.
Die erhöhte Volatilität der Börsen liegt auch daran, dass die Erwartungen für die Unternehmensgewinne bereits beeindruckend hoch sind. Zur Illustration: Die amerikanischen IT-Firmen Broadcom und Oracle haben beide hervorragende Resultate für das erste Quartal vermeldet. Die Börse hat das aber mit starken Kursverlusten quittiert. Broadcom liegt über 20, Oracle über 30 Prozent unter dem jüngsten Hoch.
Umso vorsichtiger muss man für die Entwicklung der Schwellenländeraktien werden, denn auch dort dominieren die Tech-Unternehmen die Börsen und die Kursgewinne sind ebenfalls gewaltig gewesen. Die von uns übergewichteten Aktien von Schwellenländern ohne China konnten in diesem Jahr bereits 40 Prozent zulegen. Das ist ein Mehrfaches der Rendite der US-Aktien in diesem Jahr. Grund genug, um für einmal Gewinne mitzunehmen.
Auch ein anderes taktisches Übergewicht von uns hat sich deutlich positiv entwickelt: Aktienanlagen in Substanzwerten haben sich besser entwickelt als der breite amerikanische Markt. Das klingt ungewohnt, aber tatsächlich haben Tech-Firmen ausserhalb der USA mit soliden Bewertungszahlen in den letzten Monaten deutlich aufgeholt. Auch hier wollen wir Gewinne mitnehmen. Mit beiden Empfehlungen rücken wir wieder dichter an unsere neutrale Strategie heran, wobei wir generell vorsichtig bleiben wollen und auch weiterhin den US-Markt weniger berücksichtigen werden als üblich.
Schliesslich hat es im Tech-Sektor noch eine Nachricht gegeben, die uns hat aufhorchen lassen. Neu ist es der amerikanischen KI-Firma Anthropic verboten, ihre besten Modelle durch Ausländer:innen nutzen zu lassen. Das betrifft sogar die eigenen Mitarbeitenden der Gesellschaft. Da werden ohne zu differenzieren Freund und Feind von den grössten Fortschritten der Technologie ausgeschlossen und somit wird natürlich auch das Potenzial limitiert.
Wie dem auch sei: Das ist vielleicht auch ein Weckruf für viele Länder, sich endlich um digitale Souveränität zu kümmern. Hoffentlich auch für die Schweiz.