Ein Schritt in die richtige Richtung

Im Januar sind die Industrieunternehmen global erstmals seit langem wieder optimistischer geworden. Damit erhöhen sich die Chancen, dass die Rezession in Deutschland und die wirtschaftliche Schwäche Europas nicht mehr von langer Dauer sein werden. Wir bleiben vor diesem Hintergrund zwar weiterhin vorsichtig, reagieren aber auf die bessere Ausgangslage und reduzieren unser Untergewicht in europäischen Aktien.

Die europäische Konjunktur scheint den Boden gefunden zu haben.

Heute, mit etwas Distanz, blicken wir leicht ungläubig auf die von der Pandemie geprägten Jahre 2020 und 2021 zurück: Urplötzlich wurde unser Leben, so wie wir es gekannt hatten, auf den Kopf gestellt. Die Auswirkungen dieser dramatischen Zeit sind nach wie vor spürbar – auch wirtschaftlich. So liegen die Inflationsraten in den meisten Ländern immer noch deutlich über den Zielvorstellungen der Zentralbanken, wenn auch bereits wesentlich tiefer als zu ihren Höhepunkten. Auch die Industrie befindet sich weltweit in einer schwierigen Lage.

Diese Entwicklung hatte sich bereits während der Pandemie abgezeichnet. Damals war die Nachfrage nach Gütern massiv angestiegen. Die eingeschränkten Bewegungs- und Konsummöglichkeiten sowie die grosszügigen staatlichen Unterstützungsmassnahmen vieler Länder haben wesentlich dazu beigetragen. So lag beispielsweise die Güternachfrage in den USA während ihres Höhepunktes rund 10 Prozent über dem zu erwartenden Niveau.

Vor diesem Hintergrund haben wir bereits im Jahr 2022 darauf hingewiesen, dass der enorme Nachfrageanstieg nach Gütern eine Inflationswelle auslösen und der anschliessende Nachfrageabbau zu einer Rezession führen könnte. Insbesondere in der europäischen Wirtschaft, die stark getrieben ist von Deutschland, dem zweitgrössten Güterexporteur der Welt, schien die Gefahr gross. Auf dieses gestiegene Risiko haben wir im Verlauf des Jahres 2022 zweimal mit einer deutlichen Reduktion der europäischen Aktienquote reagiert.

Nun, fast zwei Jahre später, haben wir einen massiven Anstieg des Preisniveaus erlebt. Zudem wächst die europäische Wirtschaft nicht mehr und Deutschland befindet sich tatsächlich in einer Rezession. Auch China, der grösste Güterexporteur, findet sich in einer misslichen Lage wieder. Kein Wunder also sind die Industrieunternehmen in vielen Ländern überaus pessimistisch.

Zumindest bis vor kurzem. Denn im Januar hat sich die Einschätzung der Industrieunternehmen erstmals seit Jahren spürbar und überregional verbessert. Die Unternehmen bleiben zwar vorsichtig, der Optimismus hat aber in Europa und in anderen Industrienationen spürbar zugenommen. Zudem haben sich zuletzt auch die weltweite Güternachfrage und die Entwicklung der Güterpreise stabilisiert. Die Gefahr einer weiteren, deutlichen Verschlechterung oder einer anhaltenden Baisse der europäischen Konjunktur hat sich entsprechend reduziert.

In Kombination mit den im Herbst deutlich gesunkenen Inflationsraten ergibt sich dadurch eine bessere Ausgangslage für die europäische Wirtschaft. Dieser positiven Entwicklung begegnen wir mit der Reduktion unseres Untergewichts in europäischen Aktien. Dies auch im Wissen, dass Aufschwungsphasen an den Finanzmärkten oft bereits vor dem Ende von konjunkturellen Schwächephasen, aber nach Überwindung der Talsohle einsetzen. Gleichwohl tragen wir dem weiterhin herausfordernden konjunkturellen Umfeld Rechnung und halten an einer insgesamt leicht defensiven Positionierung fest.

Über Philipp Merkt

Philipp Merkt arbeitet seit 2015 bei PostFinance – aktuell als Chief Investment Officer und Leiter Asset Management Solutions. Der gebürtige Solothurner hat an der Universität Fribourg Informatik und Wirtschaft studiert und hat einen MBA mit Schwerpunkt Finance der Universität Bern sowie der Simon Business School der University of Rochester NY.

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