Wirtschaft: Positive Überraschungen werden künftig dünner gesät sein

Mit den Lockerungen der Lockdown-Massnahmen konnte sich der Konsum in Europa und den USA rasch erholen. Sorgen bereiten die Entwicklungen der Industrie – und neuerliche Ausbrüche des Coronavirus.

  • Der Konsum erholte sich in der Schweiz schneller als in anderen Ländern. Im Mai fielen die Einzelhandelsumsätze mehr als 30 Prozent höher aus als im April, nachdem diese im April noch fast 20 Prozent unter dem gewohnten Niveau lagen. Der Einzelhandel dürfte im Mai damit von Nachholeffekten profitiert haben.

    Die Anzahl der Stellensuchenden stieg gegenüber dem Juni des Vorjahres um 53‘000 Personen, was einem Zuwachs von 54 Prozent entspricht. In diesem Anstieg zeigen sich die Spuren der Corona-Krise, auch wenn die Arbeitslosigkeit mit 3,2 Prozent noch moderat ausfällt. Nach wie vor befindet sich rund eine Million Arbeitnehmer in Kurzarbeit, was etwa 20 Prozent aller Erwerbstätigen entspricht. Entscheidend für die weitere Entwicklung am Arbeitsmarkt wird sein, ob es den Unternehmen gelingt, diese Personen nach Beendigung der Kurzarbeit wieder zu beschäftigen. Da der Bundesrat die maximale Bezugsdauer für Kurzarbeit kürzlich von 12 auf 18 Monate erhöht hat, wird sich dies nicht so rasch zeigen.

    Wachstum, Stimmung und Trend

    In Prozent

    Die Grafik zeigt das tatsächliche Jahreswachstum des Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP) seit 1995, dessen langfristigen Trend und einen vorlaufenden Konjunkturklimaindikator. Der vorlaufende Indikator deutet darauf hin, dass sich das Wirtschaftswachstum in naher Zukunft bei rund -2% befinden wird. Der Indikator ist angesichts des Coronavirus aktuell jedoch zu optimistisch.
    Quelle: Bloomberg
  • Die USA überraschten im Juni mehrheitlich mit positiven Zahlen. Einerseits stiegen die beiden gewichtigen vorlaufenden Indikatoren ISM Manufacturing und Non-Manufacturing bereits wieder auf das Vorkrisenniveau. Andererseits fielen die Detailhandelszahlen erneut stark aus.

    Bei genauerer Betrachtung ist die Lage jedoch weniger optimistisch. Dass die ISM-Indikatoren so stark ausfielen, hängt mit ihrer Konstruktionsweise zusammen. Auch im Detailhandel, der in den USA auch die Gastronomie umfasst, dürften positive Überraschungen künftig ausbleiben. Insbesondere die südlichen Bundesstaaten sind derzeit mit massiv ansteigenden Corona-Fallzahlen konfrontiert. Echtzeitdaten für diese Bundesstaaten zeigen, dass die Konsumtätigkeit nach einer zaghaften Erholung im Juni bereits wieder sinkt. Hinzu kommen nach wie vor sehr schlechte Zahlen aus der Industrie und dem Export.

    Wachstum, Stimmung und Trend

    In Prozent

    Die Abbildung stellt das Wachstum des realen amerikanischen BIP und dessen langfristigen Trend, sowie ein vorlaufendes Konjunkturklima seit Mitte der Neunzigerjahre dar. Unser Konjunkturindikator deutet in naher Zukunft auf ein Wirtschaftswachstum von 2% hin. Der Indikator ist angesichts des Coronavirus jedoch deutlich zu optimistisch.
    Quelle: Bloomberg
  • Die wirtschaftlichen Unterschiede in der Eurozone sind derzeit enorm: Im globalen Vergleich umfasst die Eurozone mit Ländern wie Deutschland, Österreich, Dänemark und Schweden diejenigen Länder, die die Corona-Krise aus wirtschaftlicher Sicht bisher am besten gemeistert haben. Sie umfasst aber auch Länder, die global gesehen zu den am stärksten betroffenen zählen, darunter Italien, Spanien und Frankreich.

    Der Konsum erholt sich derzeit breitflächig. Die Einzelhandelsumsätze lagen im Mai höher als im April, wenngleich das Vorkrisenniveau noch nicht überall erreicht ist. Schwieriger ist die Lage in der Industrie, in der das Produktionsniveau überall zwischen 10 und 25 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegt. Ausdruck davon ist, dass die Exporte der Eurozone im Mai fast 30 Prozent unter dem Vorkrisenniveau liegen. Der Einbruch ist damit stärker als während der Finanzkrise von 2008/2009.

    Wachstum, Stimmung und Trend

    In Prozent

    Die Darstellung zeigt das Wachstum des realen BIP, dessen Trend und ein vorlaufendes Konjunkturklima für die Eurozone seit 1995. Unser Konjunkturindikator deutet in naher Zukunft auf ein Wirtschaftswachstum von -2% hin. Der Indikator ist angesichts des Coronavirus jedoch zu optimistisch.
    Quelle: Bloomberg
  • Das Coronavirus trifft zahlreiche Schwellenländer mit voller Wucht. Als Reaktion haben viele Zentralbanken den Leitzins auf einen neuen Tiefstwert gesenkt, darunter Brasilien, Indonesien, Thailand und Indien. Die türkische Zentralbank hat überdies damit begonnen, die Geldmenge massiv auszuweiten. Dieser Aktivismus ist nicht ohne Risiko, da solche Massnahmen in Schwellenländern vergleichsweise rasch zu einer Währungsabwertung und Problemen der Finanzstabilität führen können.

    Das chinesische Wirtschaftswachstum lag im zweiten Quartal gemäss offiziellen Zahlen bei überraschend hohen 3,2 Prozent im Jahresvergleich. Insbesondere die Industrie zeigt sich gut erholt vom Einbruch im Februar. Auch die Exportzahlen fielen zuletzt stark aus. Auf der anderen Seite sind die Einzelhandelsumsätze noch weit davon entfernt, das Vorkrisenniveau zu erreichen und auch die Investitionsdynamik bleibt schwach.

    Wachstum, Stimmung und Trend

    In Prozent

    Diese Grafik zeigt für einen Durchschnitt von Schwellenländern das Wachstum des realen BIP, dessen Trend und ein vorlaufendes Konjunkturklima seit 1995. Unser Konjunkturindikator deutet in naher Zukunft auf ein Wirtschaftswachstum von rund 2% hin. Der Indikator ist angesichts des Coronavirus jedoch zu optimistisch.
    Quelle: Bloomberg

Globale Konjunkturdaten

Indikatoren Schweiz USA Eurozone GB Japan Indien Brasilien China   
Indikatoren
BIP J/J 2020Q1
Schweiz
-1,3%
USA
0,3%
Eurozone
-3,1%
GB
-1,7%
Japan
-1,7%
Indien
3,1%
Brasilien
-0,3%
China   
-6,8%
Indikatoren
BIP J/J 2020Q2
Schweiz
n.a.
USA
n.a.
Eurozone
n.a.
GB
n.a.
Japan
n.a.
Indien
n.a.
Brasilien
n.a.
China   
3,2%
Indikatoren
Konjunkturklima
Schweiz
USA
+
Eurozone
GB
=
Japan
+
Indien
+
Brasilien
China   
+
Indikatoren
Trendwachstum
Schweiz
1,4%
USA
1,7%
Eurozone
0,8%
GB
1,6%
Japan
1,0%
Indien
5,0%
Brasilien
1,0%
China   
4,3%
Indikatoren
Inflation
Schweiz
-1,3%
USA
0,6%
Eurozone
0,3%
GB
0,6%
Japan
0,1%
Indien
6,1%
Brasilien
2,1%
China   
2,5%
Indikatoren
Leitzinsen
Schweiz
-0,75%
USA
0,08%
Eurozone
0,00%
GB
0,10%
Japan
-0,10%
Indien
4,00%
Brasilien
2,25%
China   
4,35%

Quelle: Bloomberg

Diese Seite hat eine durchschnittliche Bewertung von %r von maximal 5 Sternen. Total sind %t Bewertung vorhanden.
Sie können die Seite mit 1 bis 5 Sternen bewerten. 5 Sterne ist die beste Bewertung.
Vielen Dank für die Bewertung
Beitrag bewerten