«Wie hart am Wind ist weich genug, Justine Mettraux?»

Die schnellste Frau bei der Weltumsegelung Vendée Globe über Einsamkeit, Stärke und Gender Pay Gap: Teil fünf der Interview-Serie über Vorbilder, die Gleichstellung vorantreiben.

Sie segeln bei der Vendée Globe wochenlang allein über den Ozean. Wie gehen Sie mit der Einsamkeit um?

Auch wenn ich kein Land sehe, weiss ich: Es ist da. Mental extrem hart wird es, wenn etwas nicht funktioniert. Wir trainieren im Vorfeld gezielt, ruhig und positiv zu bleiben.

Lenken Sie sich mit Social Media ab?

Ich hatte kein Starlink, nur manchmal Datenpakete. Es tut gut, nicht ständig mit der Welt verbunden zu sein.

Sie fühlen sich also eher frei als gefangen?

Absolut. Auf dem Boot hat man Zeit, über das Leben nachzudenken. Das ist ein Privileg.

Wie hart am Wind ist weich genug?

Es ist ein Balanceakt. Du willst das Boot pushen, aber es muss halten. Und du selbst auch. Alles muss über Wochen funktionieren.

Sprechen Sie mit Ihrem Boot?

Manchmal. Vor allem in schwierigen Momenten: «Komm, halte durch.» Es ist wie ein Freund.

Warum ist Segeln so männerdominiert?

Ab dem Jugendalter verlieren wir viele Mädchen. Oft mangelt es an Vorbildern, Infrastruktur und Unterstützung. Manchmal sind es Kleinigkeiten wie fehlende Umkleiden. Ein grosser Schritt gegen Diskriminierung im Spitzensport war, gemischte Teams verpflichtend zu machen – zum Beispiel bei den Olympischen Spielen.

Gibt es einen Gender Pay Gap?

Ja, aber das hängt von Sponsoren und Teams ab. Ich verhandle meine Verträge selbst und tausche mich mit anderen Segler:innen aus.

Segeln Männer schneller als Frauen?

Der einzige Unterschied zwischen den Geschlechtern ist die körperliche Stärke, aber Technik, Strategie und Selbstmanagement sind genauso wichtig. Vielleicht lernen Frauen, diese Fähigkeiten besonders präzise einzusetzen. Und das muss kein Nachteil sein.

Kann Technologie den körperlichen Unterschied auffangen?

In manchen Segelregatten dürfen Teams mit höherem Frauenanteil mehr Crewmitglieder mit an Bord nehmen, um körperliche Voraussetzungen und Gesamtgewicht innerhalb der Mannschaft auszugleichen. Auch die Boote könnten so konstruiert werden, dass sie solche Unterschiede besser abfedern... Das passiert aber erst langsam.

Sollte Männern zur Kompensation ein paar Sekunden draufgeschlagen werden?

(lacht) Könnten wir versuchen. Aber ich mag die Regeln, wie sie sind.

Bilder: Julia Ishac; Texte: annabelle