Kein Winter-Blues an den Finanzmärkten

Es erwarten uns aus gesundheitlicher und wirtschaftlicher Sicht keine einfachen Wintermonate. Die Finanzmärkte blicken aber bereits weiter.

Wenn die Tage kürzer werden, kann die Dunkelheit auf das Gemüt schlagen: Der sogenannte Winter-Blues ist gemäss Psychologen ein verbreitetes Phänomen. In diesem Winter kommt dazu, dass Ablenkung durch Aktivitäten oder das Zusammensein mit Freunden und Familie nur begrenzt möglich sein wird.

Die kommenden Wintermonate werden auch für die Volkswirtschaften nicht einfach. Die zweite Corona-Welle wird neben gesundheitlichen Schäden auch signifikante wirtschaftliche Spuren hinterlassen. Bereits geschwächt von der Weltrezession, die durch die erste Corona-Welle verursacht wurde, ist der neuerliche Rückgang der Nachfrage für viele Unternehmen eine grosse Herausforderung.

Von einem Winter-Blues lassen sich die Finanzmärkte zurzeit aber nicht anstecken. Der amerikanische Aktienmarkt hat neue Höchststände erreicht, Risikoprämien auf Unternehmensschulden sinken und der Schweizer Franken als «sicherer Hafen» hat sich zuletzt abgewertet. Woher holen die Finanzmärkte ihre Resilienz?

Woher holen die Finanzmärkte ihre Resilienz?

Weitblick oder Verdrängung unbequemer Tatsachen?

Einerseits lässt sich diese Resilienz dadurch erklären, dass an den Finanzmärkten die Zukunft gehandelt wird. Für die Gewinnerwartungen eines Unternehmens zählt die aktuelle Situation weniger als seine langfristigen Zukunftsaussichten. Mit dem Frühling werden uns – wie wir es bereits dieses Jahr erlebt haben – abnehmende Corona-Fallzahlen, zunehmende Aktivitäten und eine Erholung der Wirtschaftsleistung erwarten. Mit den jüngst publizierten Fortschritten bezüglich Impfstoffen ist das Licht am Ende des Tunnels noch klarer ersichtlich.

Andererseits ist es auch eine menschliche Strategie, negative Nachrichten einfach auszublenden. Die Finanzmärkte scheinen dies ebenfalls zu tun. Die Wirtschaft wird nicht unbeschadet aus dieser Krise herauskommen. Die Narben der Rückschläge werden uns noch länger beschäftigen, die Krise wird Geduld verlangen. Eine Rückkehr zu einer nachhaltigeren Fiskal- und Geldpolitik ist noch nicht so rasch absehbar. Auch haben sich die Unsicherheiten rund um die US-Wahlen zwar vorerst gelegt, die amerikanische Gesellschaft steht aber weiterhin vor grossen Herausforderungen.

Neutrale Ausrichtung angemessen

Angesichts dieser beiden Erklärungsmuster für das Verhalten der Finanzmärkte erscheint uns eine neutrale taktische Positionierung der Aktienquote in unseren Portfolios angemessen. Zurecht legen die Finanzmärkte nicht zu viel Wert auf die aktuelle Situation. Der Frühling wird tatsächlich nach dem Winter kommen. Gewissen euphorischen Entwicklungen an den Finanzmärkten muss aber auch mit Skepsis begegnet werden. Zu weit weg von der unangenehmen Tatsache, dass auch ein Impfstoff die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Probleme nicht augenblicklich lösen wird, werden sich die Finanzmärkte nicht bewegen können.

Über Daniel Mewes

Daniel Mewes arbeitet seit 18 Jahren bei PostFinance – aktuell als Leiter Investment Solutions. Der gebürtige Berner hat an der Universität Bern Betriebswirtschaft studiert und ist Dipl. Finanz- und Anlageexperte mit einem EMBA der Hochschule für Wirtschaft Zürich und der Darden School of Business der University of Virginia.

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