Von der Euphorie zur neuen Normalität

Der Rest des Jahres wird nicht von der gleichen Aufbruchsstimmung geprägt sein wie das erste Halbjahr. Wo werden sich die Zinsen und die Inflation in der neuen Normalität einpendeln?

Das erste Halbjahr hatte es an den Finanzmärkten bereits wieder in sich. Kräftig steigende Aktienkurse, durch die Decke gehende Schweizer Immobilienfonds und trotz guten Wachstumszahlen insgesamt nur wenig steigende Zinsen. Zeit für eine Einordnung: Wo stehen wir und wohin gehen wir?

Vom ersten Halbjahr in Erinnerung bleiben die Lichtblicke bezüglich Coronavirus. Zwar sorgte die Bekämpfung des Coronavirus für einen holprigen Start der Weltwirtschaft ins Jahr, die raschen Impffortschritte und die Aufhebung der Restriktionen im Verlauf des Frühlings führten aber zu einer grossen Aufholjagd in den USA und in Europa. Sowohl die Fiskal- als auch die Geldpolitik blieben sehr unterstützend. Staatliche Transferleistungen ersetzten die ausbleibenden Einkommen nicht nur, sondern übertrafen diese. Die Zentralbanken der grossen Währungsräume führten ihre Wertpapierkäufe derweil im grossen Stil fort.

Die Ausgangslage bleibt vorläufig aber für Anlegerinnen und Anleger nicht unattraktiv.

Normalisierung des Aufschwungs

Die zweite Hälfte des Jahres wird nicht von der gleichen Aufbruchsstimmung geprägt sein. Die positiven Nachrichten zum Coronavirus scheinen vermehrt auszubleiben, da die Fallzahlen trotz fortschreitenden Impfkampagnen steigen. In der nördlichen Hemisphäre wird spätestens mit dem Herbst und den kühleren Temperaturen die Erkenntnis reifen, dass das Coronavirus uns noch lange auf die eine oder andere Art beschäftigen wird.

Bezüglich Konjunkturaussichten zeigen es die vorlaufenden Indikatoren seit geraumer Zeit an: Der Aufschwung wird nicht im gleichen Tempo fortgeführt wie zuletzt. Die fiskalpolitische Unterstützung wird aufgrund der Normalisierung der Wirtschaft zurückgefahren, für das Geld muss wieder gearbeitet werden. Und die Geldpolitik wird in die Phase treten, in der auch in den grossen Währungsräumen Pläne geschmiedet werden, die Wertpapierkäufe zu reduzieren oder gar einzustellen.

Zinsen und Inflation im Fokus

Die Euphorie wird einer neuen Normalität weichen. Die Ausgangslage bleibt vorläufig aber für Anlegerinnen und Anleger nicht unattraktiv. Das liegt bisher auch an den Zinsen. Diese stiegen diesen Frühling zwar an – der Anstieg blieb aber bescheiden und kehrte sich insbesondere im letzten Monat ins Gegenteil um. Die längerfristigen amerikanischen Staatsobligationen lagen zuletzt nur wenig über dem Niveau vom Januar. Tiefe Zinsen ermöglichen hohe Bewertungen von Vermögenswerten, wovon Anleihen, Aktien und Immobilien profitieren können.

Zwei Fragen gilt es damit im Auge zu behalten: Wo werden sich die längerfristigen Zinsen in der neuen Normalität einpendeln? In der Vergangenheit stabilisierte sich das langfristige Zinsniveau nach jeder Krise auf einem tieferen Niveau im Vorkrisen-Vergleich. Gilt dies auch nach der Corona-Krise und falls ja, um wie viel tiefer liegen sie? Die Frage hängt auch mit der zweiten entscheidenden Frage zusammen: Werden die aktuell sehr hohen Inflationsraten in den USA gegen Ende Jahr tatsächlich wieder sinken? Immer noch spricht viel dafür, dass es sich hier um temporäre Effekte handelt. Das Restrisiko, dass sich die hohen Raten verselbstständigen, müssen Anlegerinnen und Anleger aber auf dem Radar behalten.

Über Daniel Mewes

Daniel Mewes arbeitet seit 18 Jahren bei PostFinance – aktuell als Chief Investment Officer und Leiter Asset Management Solutions. Der gebürtige Berner hat an der Universität Bern Betriebswirtschaft studiert und ist Dipl. Finanz- und Anlageexperte mit einem EMBA der Hochschule für Wirtschaft Zürich und der Darden School of Business der University of Virginia.

 

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