Erleichterung

Das Jahr hat an den Finanzmärkten gut begonnen. Sinkende Inflationsraten und das Ausbleiben einer Strom- und Gasmangellage sind sicher positiv. Dennoch ist es zu früh für eine Entwarnung.

Erleichterung ist die dominierende Emotion an den Finanzmärkten zum Beginn des neuen Jahres. Die Menschen sind erleichtert, weil die schlimmsten Horrorszenarien von Strom- und Gasunterbrüchen nicht eingetreten sind und wenigstens in diesem Winter wohl nicht mehr eintreten werden. Grund zur Erleichterung ist aber auch, dass die Inflationsraten in den Industrienationen erwartungsgemäss ihren Höhepunkt hinter sich gelassen haben. 

Solange die Zinsen deutlich unter den Inflationsraten liegen, bleiben wir vorsichtig.

Erleichterung ist aber nicht gleichbedeutend mit Entwarnung. Es lohnt sich, zumindest bei der Inflation genauer hinzuschauen. Tatsächlich ist in den vergangenen Monaten die Teuerung der Konsumentenpreisen rückläufig gewesen. So beträgt die Gesamtrate der Inflation in den USA aktuell «nur» noch 6,5 Prozent und in Deutschland 8,6 Prozent. Das liegt aber vor allem an der Entspannung der Energiepreise: Die globalen Ölpreise sind wieder auf einem Niveau angelangt, das nicht mehr über den Werten des Vorjahres liegt. Und auch die Gaspreise sind in den letzten Monaten deutlich gefallen.

Damit ist das Inflationsproblem in den Industrieländern aber leider nicht beseitigt. Die zugrundeliegende Kernrate der Inflation, die die Energie- und Nahrungsmittelpreise ausklammert, liegt in vielen Ländern immer noch deutlich über den Zielwerten der jeweiligen Zentralbanken und ebenfalls weit über deren Leitzinsen. Nimmt man die Zinsen für Geldmarktanlagen als Vergleichsgrösse, ist die inflationsbereinigte Verzinsung teilweise deutlich negativ. In den USA liegt der so definierte Realzins bei –1,5, in Europa bei –2,5 und hierzulande bei –1,0 Prozent. 

Eine Zentralbank kann die Inflation aber nur dann effektiv bekämpfen, wenn der so definierte Realzins über Null liegt. Mit anderen Worten: Die Kerninflation muss sehr deutlich fallen oder die Zentralbanken werden mit weiteren deutlichen Zinsanhebungen die Rechnung der Finanzmärkte nochmals durchkreuzen. 

Die Chance, dass neben den Gesamtraten nun auch die Kernraten der Inflation deutlich fallen werden, ist eher gering. Denn in den allermeisten Industrienationen steigen diese aktuell immer noch. Erschwerend für die Finanzmärkte ist wohl auch die Feststellung, dass die Löhne und die meisten anderen Kostenelemente damit weiter steigen werden. Gelingt es den Zentralbanken, die Inflationsraten, die ja auf den Absatzpreisen der Unternehmen gemessen werden, zu brechen, wird es immerhin eine Übergangsperiode mit deutlich fallenden Margen und mit auch fallenden Unternehmensgewinnen geben. 

Steigende Zinsen und fallende Unternehmensgewinne sind aber nicht der Stoff, aus dem Börsenträume gemacht sind. Da werden noch einige Analyst:innen ihre Erwartungen anpassen müssen. Solange dies noch nicht geschehen ist, bleiben wir vorsichtig. 

Andererseits zweifeln wir nicht daran, dass es den Zentralbanken im Laufe des Jahres gelingen wird, das Inflationsgespenst unter Kontrolle zu bringen. Erst das wird dann den Weg für einen neuerlichen Aufschwung von Wirtschaft und Finanzmärkten ebnen. 

Über Philipp Merkt

Philipp Merkt arbeitet seit 7 Jahren bei PostFinance – aktuell als Chief Investment Officer und Leiter Asset Management Solutions. Der gebürtige Solothurner hat an der Universität Fribourg Informatik und Wirtschaft studiert und hat einen MBA mit Schwerpunkt Finance der Universität Bern sowie der Simon Business School der University of Rochester NY.

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