Der Sommer ist vorbei

Die Finanzmarkterholung vom Sommer ist schon wieder vorbei. Die Sorgen über Inflation und Konjunktur bleiben gross. Zurückhaltung ist immer noch angesagt.

An den Finanzmärkten hat uns der Sommer mit wieder fallenden Zinsen und sogar steigenden Kursen kurz verwöhnt.

Der Sommer 2022 wird in die Geschichtsbücher eingehen. Es war sehr warm und sehr trocken. Für Ferien, Ausflüge oder einfach, um das Wetter draussen zu geniessen, war das ideal. Für die Umwelt war dies hingegen eine grosse Belastung.

An den Finanzmärkten hat uns der Sommer mit wieder fallenden Zinsen und sogar steigenden Kursen kurz verwöhnt. Das war nach dem schlimmen Jahresbeginn auch dringend nötig, denn bis Mitte Juni waren die 10-jährigen Zinsen am Kapitalmarkt weltweit im Schnitt um gut 2 Prozentpunkte gestiegen. In der Folge haben die Kurse von Aktien und Obligationen grosse Einbussen verzeichnet. Bis Mitte Jahr ist so das Weltfinanzvermögen real um gut 20 Prozent gesunken.

Die Gegenbewegung der Märkte über die Sommermonate hat daher richtig gutgetan. Fallende Zinsen und steigende Kurse liessen gar die Hoffnung aufkommen, dass am Ende die Entwicklung von Konjunktur und Inflation doch nicht so schlimm werden könnte, wie noch im Frühling befürchtet. Diese Hoffnung ist mittlerweile jedoch verflogen. Die Finanzmärkte machen sich Sorgen.

Zum einen ist da die Sorge um die Inflation. Die Finanzmärkte – angetrieben durch hartnäckig hohe Inflationsraten von über 8 bis 9 Prozent in den USA und in Europa und von ungewohnten über 3 Prozent bei uns in der Schweiz – können sich nicht entspannen. Ein wenig Inflation wäre ja eigentlich für die Wirtschaft gar nicht schlecht. So können zum Beispiel Branchen, deren wirtschaftliche Entwicklung nicht gut verläuft, unter Beibehaltung von konstanten Löhnen die realen Kosten senken, ohne dass es zu Entlassungen kommen muss. Aber eine Inflation von 8 bis 9 Prozent stellt keine niedrige Inflationsrate mehr dar. Auch in florierenden Branchen kann da die Lohnentwicklung nicht mehr mithalten. Es kommt in der Folge zu einem realen Kaufkraftverlust der Arbeitnehmenden und in extremis sogar zu einer Rezession. Und eben dies ist die zweite grosse Sorge, die die Finanzmärkte zurzeit stark beschäftigt.

Um ein reibungsloses Funktionieren der Finanzmärkte zu ermöglichen, sollten darüber hinaus die Zinsen im Bereich der Inflation liegen. Aktuell ist der Abstand zwischen Inflation und Kapitalmarktzinsen aber erheblich. Daher muss entweder die Inflation fallen oder die Zinsen müssen steigen – oder aber beides. Und genau nach letzterem sieht es aktuell aus. Versuchen doch die Zentralbanken über höhere Zinsen die Nachfrage in der Wirtschaft zu bremsen und so die Inflation zu brechen. Dabei nehmen die Zentralbanken unterdessen sogar einen Wirtschaftseinbruch in Kauf. Tatsächlich ist im Werkzeugkasten der Geldpolitik die Rezession bei allzu starker Inflationsentwicklung ein Teil der Lösung des Inflationsproblems.

Höhere Zinsen bedeuten aber fallende Kurse, ebenso wie im Falle einer Rezession. Und genau vor diesem Dilemma stehen wir heute. Solange die Zinsen so stark unterhalb der Inflationsraten liegen, wird es für die Finanzmärkte schwer, zu einer nachhaltigen Erholung anzusetzen. Wir brauchen also noch etwas Geduld, bevor wir unsere defensive Ausrichtung auflösen. Auch wenn wir überzeugt sind, dass mittel- bis langfristig unsere Anlagen einen schönen positiven Ertrag bringen werden.

Über Philipp Merkt

Philipp Merkt arbeitet seit 7 Jahren bei PostFinance – aktuell als Chief Investment Officer und Leiter Asset Management Solutions. Der gebürtige Solothurner hat an der Universität Fribourg Informatik und Wirtschaft studiert und hat einen MBA mit Schwerpunkt Finance der Universität Bern sowie der Simon Business School der University of Rochester NY.

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