«Was bedeutet Ihnen Freiheit, Eva Wildi-Cortés?»

Die Fedpol-Direktorin über Polizeiarbeit, den Glauben an das Gute und Working Moms: Teil sieben der Interview-Serie über Vorbilder, die Gleichstellung vorantreiben.

Ein Drittel der Fedpol-Mitarbeitenden sind Frauen. Eva Wildi-Cortés (50) würde sich mehr wünschen.

Was bedeutet Ihnen Freiheit?

Ich bin ein äusserst freiheitsliebender Mensch. Um sich frei zu fühlen und frei entscheiden zu können, braucht es das Gefühl von Sicherheit. Es ist die Voraussetzung für Freiheit.

Ihr Arbeitsalltag ist geprägt von Terrorismus und Kriminalität: Was fasziniert Sie an der dunklen Seite?

Mich reizt die Bewahrung des Guten. Das zu sichern, was die Schweiz ausmacht: unseren Rechtsstaat, die Demokratie, unsere Sicherheit. Das ist mein Antrieb.

Stumpft man da nicht ab?

In belastenden Berufen besteht eine feine Linie zwischen dem notwendigen Selbstschutz und der Fähigkeit, empathisch zu bleiben. Das starke Gefühl des Gemeinsamen hilft, diese Balance zu bewahren: eine kollektive Haltung, ein moralischer Kompass und die Überzeugung, mit der eigenen Arbeit etwas bewirken zu können. An einem dicken Fell würde alles abprallen.

Sie gehören zu den wenigen Frauen in Führungspositionen der Sicherheitspolitik. Spielt Ihr Geschlecht eine Rolle?

Es sollte keine spielen. Aber ja, ich treffe meist auf männliche Amtskollegen. Umso mehr freute mich, dass Europol zeitweise von einer Frau geleitet wurde, und dass in Schweden und den Niederlanden Frauen an der Polizeispitze sind – genauso wie in den Kantonen Genf, Waadt und Solothurn. Bei Fedpol achten wir bewusst auf Diversität: Bei gleicher Qualifikation berücksichtigen wir, wer untervertreten ist.

Wie bringen Sie Ihre Rolle als Fedpol-Chefin mit der als Mutter zusammen?

Familie und Beruf ergänzen mein Leben auf wertvolle Weise. Diese Entscheidung frei treffen zu können, ist oft Glückssache. Mein Mann und ich schaffen das dank guter Kita, toller Nanny und Unterstützung der Eltern und Schwiegereltern. Trotzdem wird die Frage «Warum habt ihr drei Kinder, wenn ihr beide so viel arbeitet?» meist der Frau gestellt. Ich wünsche mir, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für alle selbstverständlich wird.

Sie haben sich vor 24 Jahren bei Fedpol beworben, obwohl die verlangte polizeiliche Erfahrung fehlte.

Fast hätte ich mich nicht getraut. Typisch Frau eben. Als Ökonomin brachte ich allerdings ein Flair für Zahlen und Prognosen mit, dazu grosse Neugier. Es muss nicht schon alles da sein, wenn man das Entscheidende längst im Gepäck hat. Ganz im Sinne eines Rats meiner ersten Vorgesetzten: Mut kennt kein Geschlecht, deshalb glaub an dich. Dein Können ist grösser als deine Zweifel.

Bilder: Julia Ishac; Texte: annabelle