«Wie tanzt eine Wissenschafterin, Chloé Carrière?»
«Wie tanzt eine Wissenschafterin, Chloé Carrière?»
Die Lausanner Raumfahrtingenieurin und Pole Dancerin über Sexismus, Selbstermächtigung und Kontrolle: Teil sechs der Interview-Serie über Vorbilder, die Gleichstellung vorantreiben.
Sie sind Space Engineer, Pole-Tänzerin und Mutter, und als Kunstfigur Galactic Chloé klären Sie über den Weltraum auf. Wer sind Sie heute?
Ich bin immer alles. Mein Leben gleicht einem Stativ: Es bleibt stabil, auch wenn die Beine unterschiedlich lang sind. Es geht nicht darum, dass alles gleich viel Raum bekommt. Manchmal dominiert die Arbeit, manchmal die Familie. Die Balance ist nicht statisch – das gilt es zu akzeptieren. Der Gesellschaft fällt es sicher schwer, all diese Rollen zusammenzudenken. Allein als Ingenieurin werde ich regelmässig infrage gestellt. Kommentare wie «Eine Frau kann doch keine Ingenieurin sein» gibt es bis heute. Die Sozialen Medien machen solche Denkweisen sichtbar. Genau deshalb möchte ich mit Vorurteilen brechen.
Wie machen Sie das?
Ich habe mir nie Grenzen gesetzt. Trotz der wenigen Frauen in diesem Feld wollte ich früh Astrophysikerin werden, studierte Luft- und Raumfahrttechnik, arbeitete bei der Europäischen Weltraumagentur. Ich erlebte Sexismus. Jetzt nutze ich meine SocialMedia-Reichweite, um Frauen in Wissenschaft und Technik sichtbarer zu machen.
Sie verbinden Wissenschaft und Pole Dance sehr bewusst. Warum?
Mich fasziniert der Mix aus Kraft, Beweglichkeit und Ausdruck. In meiner Show «Zero Gravity» erkläre ich astrophysikalische Konzepte am Pole. Ich nutze die Kunstform, um Themen wie Schwerkraft oder Mikrogravitation zu vermitteln. Gleichzeitig geht es darum, Normen zu hinterfragen und den eigenen Körper neu zu betrachten.
Ist jeder Tanz ein politisches Statement?
Ja – und ein Akt der Selbstermächtigung. Deshalb mache ich ihn öffentlich. Sichtbarkeit ist Teil der Veränderung.
Sie wollten ursprünglich Astronautin werden. Wie gehen Sie damit um, dass dieser Traum nach einem Unfall platzte?
Lange habe ich mich über diesen Traum definiert. Irgendwann fragte ich mich, warum ich ihn eigentlich hatte. Vieles an ihm war von äusseren Erwartungen geprägt. Als Wissenschafterin scheint vieles logisch erklärbar.
Womit hätten Sie nicht gerechnet?
Dass das Leben so unvorhersehbar ist. Mein Unfall, bei dem mir ein Glasstück einer aus dem Kühlschrank fallenden Flasche das Sehvermögen im linken Auge raubte, hatte eine verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit. Das erinnert mich bis heute daran, dass Kontrolle oft eine Illusion ist.