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Erstellt am 11.10.2019

«Die Eurozone trägt eine grosse geschichtliche Verantwortung»

Am Swiss WCM Summit 2019 hielt Jean-Claude Trichet, ehemaliger Präsident der Europäischen Zentralbank, die die Keynote über die aktuellen Herausforderungen in der Eurozone. Im Exklusivinterview beantwortet er drei Fragen.

Herr Trichet, willkommen in Zürich. Sie werden in den Medien gerne als Mister Euro bezeichnet. Wie ist eigentlich Ihre persönliche Beziehung zum Land des Schweizer Frankens?

Für mich ist es immer eine sehr emotionale Angelegenheit, wenn ich in der Schweiz bin und mit Schweizer Geld in Berührung komme. Denn wenn ich Schweizer Münzen in den Händen halte, erinnern mich diese immer an die sehr alten, wunderschönen französischen Münzen und auch daran, dass der französische Franc der Schweizer Währung vom äusseren Erscheinungsbild her sehr ähnlich war. 

Schauen wir über die Schweiz hinaus: Was sind aktuell die grössten Herausforderungen der Eurozone?

Die Eurozone gehört mit den USA zu den zwei grössten Binnenmärkten der Welt mit einer einheitlichen Währung und kämpft zunächst mit denselben, zahlreichen wirtschaftlichen und strukturellen Herausforderungen wie alle anderen hoch entwickelten Volkswirtschaften auch. Aber zusätzlich zu den Herausforderungen anderer grosser, hoch entwickelter Volkswirtschaften hat die Eurozone auch eine grosse geschichtliche Verantwortung. Die Europäer haben beschlossen, ein sehr ehrgeiziges strategisches und historisches Vorhaben umzusetzen: schrittweise eine immer engere Union zu schaffen, um Stabilität, Wohlstand und Frieden auf unserem Kontinent zu garantieren. Ein derart kühnes Unterfangen erfordert, dass alle europäischen Institutionen und Nationen ihre Verantwortung wahrnehmen – dies auch in schwierigen Zeiten, wie zum Beispiel als es die schlimmste Finanz- und Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg zu bewältigen galt. Um die historische Dimension des Prozesses aufzuzeigen, möchte ich daran erinnern, dass die Eurozone zwölf Länder zählte, als ich zum Präsidenten der EZB ernannt wurde. Nach meiner Amtszeit, das heisst nach einer historisch betrachtet unglaublich kurzen Zeitspanne, war die Eurozone bereits auf 17 Länder angewachsen. Fünf neue Länder waren beigetreten: Slowenien, die Slowakei, Malta, Zypern und Estland.

Sie wurden vor rund zwölf Jahren zum European Banker of the Year gewählt und für Ihre «mutige und transparente Politik» in der EZB ausgezeichnet. Von wem wünschen Sie sich aktuell eine mutigere Politik?

Heutzutage sollten wirklich alle mutig sein. Nicht nur die EZB und die Zentralbanken der EU und aller anderen hoch entwickelten Volkswirtschaften, sondern auch alle anderen Verantwortungsträger. Mut ist gefordert von den Verwaltungen, den Parlamenten, vom Privatsektor – und allen Beteiligten. 

Über Jean-Claude Trichet

Jean-Claude Trichet ist französischer Volkswirtschaftler und ehemaliger Präsident der Europäischen Zentralbank (2003–2011). Der mehrfach ausgezeichnete Finanzexperte hat sich insbesondere hinsichtlich des Zusammenhalts der Währungsunion, der Stabilität des Euro und des Erhalts der Wettbewerbsfähigkeit Europas herausragende Verdienste erworben.

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