Wirtschaft: Politische Risiken sorgen für tieferes Wachstum

Was sich in den vorlaufenden Stimmungsindikatoren abgezeichnet hatte, ist nun eingetroffen: Das globale Wirtschaftswachstum hat sich spürbar verlangsamt. Während der Handel schwächelt, sorgen die Konsumenten weiterhin für Unterstützung. Die vorlaufenden Indikatoren zeigen keine Erholung an. Zentralbanken versuchen mit Zinssenkungen Gegensteuer zu geben.

  • Der von Credit Suisse und dem Beratungsunternehmen Procure erhobene Stimmungsindikator für die Industrie hat im Juli seinen tiefsten Stand seit 2009 erreicht. Dementsprechend pessimistisch ist der Ausblick der Unternehmen auf die kommenden Monate. Für die exportorientierten Sektoren dürfte erschwerend hinzukommen, dass der Franken Ende Juli gegenüber dem Euro zum ersten Mal seit über zwei Jahren wieder unter die Marke von 1,10 gefallen ist. Der Kursrückgang entspricht einer Aufwertung des Frankens. Diese Entwicklung bereitet auch der Schweizerischen Nationalbank (SNB) keine Freude, da die Aufwertung des Frankens via tiefere Importpreise auf die Inflation drückt: Im Juli sind die Preise für Importgüter im Schweizer Warenkorb um 1,5% gefallen, womit die Gesamtinflation gegenüber dem Vorjahr nun nur noch gerade bei 0,3% liegt. Sorgen um den konjunkturellen Ausblick und die tiefe Inflation haben die SNB vermutlich dazu veranlasst, zum ersten Mal seit über zwei Jahren wieder in grösserem Umfang Fremdwährungen zu kaufen, um den Franken zu schwächen.

    Wachstum, Stimmung und Trend

    In Prozent

    Die Grafik zeigt das tatsächliche Jahreswachstum des Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP) seit 1995, dessen langfristigen Trend und einen vorlaufenden Konjunkturklimaindikator. Aufgrund der globalen Konjunkturabkühlung ist für das zweite Quartal 2019 damit zu rechnen, dass die Wachstumsrate unter den langfristigen Trendwert fallen wird.
    Quelle: Thomson Reuters Datastream, PostFinance

    In der Schweiz lag das Wirtschaftswachstum in den vergangenen Quartalen stets höher als das Trendwachstum. Aufgrund der globalen Konjunkturabkühlung ist eine Wachstumsrate unterhalb des Trendwachstums für das zweite Quartal jedoch wahrscheinlich geworden.

  • Die Wachstumszahlen der USA für das zweite Quartal fielen – wenn auch tiefer als in den vergangenen Quartalen – nach wie vor erfreulich aus. Bei genauerem Blick zeigt sich allerdings, dass die US-Wirtschaft nur dank gestiegenen privaten und staatlichen Konsumausgaben wuchs, während die Investitionen stagnierten und die Nettoexporte rückläufig waren. Die Exporte der USA entwickelten sich zum dritten Monat in Folge rückläufig, was Ausdruck des Handelskonflikts mit China und anderer Länder ist. Aus Sorgen um die konjunkturelle Abkühlung hat die amerikanische Zentralbank Federal Reserve im Juli zum ersten Mal seit dem Ende der globalen Finanzkrise und damit zum ersten mal seit über zehn Jahren die Zinsen gesenkt. Erfreulicherweise sind die Sorgen um die Konjunktur nach wie vor nicht bis zu den Konsumenten durchgedrungen: Die Detailhandelsumsätze entwickelten sich im Juli unerwartet positiv, und die Konsumentenstimmung bleibt auf hohem Niveau.

    Wachstum, Stimmung und Trend

    In Prozent

    Die Abbildung stellt das Wachstum des realen amerikanischen BIP und dessen langfristigen Trend sowie ein vorlaufendes Konjunkturklima seit Mitte der Neunzigerjahre dar. Es zeigt, dass die US-Wirtschaft in den vergangenen Monaten überdurchschnittlich stark gewachsen ist. Das aktuelle Konjunkturklima lässt jedoch erwarten, dass sich das BIP-Wachstum in naher Zukunft verlangsamen wird.
    Quelle: Thomson Reuters Datastream, PostFinance

    In den USA liegt das Wirtschaftswachstum nach wie vor über dem langfristigen Mittelwert. Der vorlaufende Konjunkturklimaindikator deutet jedoch auf eine abnehmende Dynamik hin.

  • Die Eurozone wuchs im zweiten Quartal 2019 um 0,2% und damit nur noch gerade halb so schnell wie im ersten Quartal. Während Spanien und die Niederlande nach wie vor erfreuliche Wachstumsraten aufweisen, war Deutschland der Bremsklotz am Bein der Eurozone. Die deutsche Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal, was unter anderem auf die rückläufige Industrieproduktion und sinkende Exporte zurückzuführen war. Stabilisierend wirkte auch in der Eurozone der Konsum. Historisch gesehen folgten die Konsumausgaben oftmals der Entwicklung in der Industrie. Da wir für die Industrie aktuell keine Anzeichen für eine rasche Erhohlung sehen, muss damit gerechnet werden, dass die Konsumausgaben mittelfristig ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden, womit das Wachstum in der Eurozone noch weiter an Dynamik verlieren würde.

    Wachstum, Stimmung und Trend

    In Prozent

    Die Darstellung bildet das Wachstum des realen BIP, dessen Trend und ein vorlaufendes Konjunkturklima für die Eurozone seit 1995 ab. Das Wirtschaftswachstum in der Eurozone lag im zweiten Quartal mit rund 1 Prozent unterhalb des langfristigen Trends.
    Quelle: Thomson Reuters Datastream, PostFinance

    Das Wirtschaftswachstum in der Eurozone kam im zweiten Quartal unterhalb des langfristigen Trends zu liegen. Vorlaufende Stimmungsindikatoren sind aktuell zu optimistisch. So spiegelt sich die Stimmung der Konsumenten nicht vollständig in ihrem Konsumverhalten.

  • Unter den Schwellenländern sticht aktuell Argentinien heraus. Aufgeschreckt durch das schlechte Abschneiden von Präsident Macri in den Vorwahlen fürchten sich Investoren im Herbst vor einer Neuauflage der linkspopulistischen Regierung, welche in ihrer letzten Amtszeit das Land an den Rand des Ruins gebracht hatte. Nach Bekanntgabe des Resultats brach der Argentinische Peso gegenüber dem Dollar zeitweise um über 30% ein.

    Chinas jüngste Zahlen zur Industrieproduktion überraschten: Das Wachstum war im Juli mit rund 5% so tief wie seit 17 Jahren nicht mehr. Auch das Wachstum der Konsumausgaben hat sich über die letzten Jahre spürbar abgekühlt und lag im Juli bei etwa 8%. Dennoch verdeutlicht das über die letzten Jahre konstant höhere Konsumwachstum, dass sich China immer mehr von einer exportgetriebenen zu einer konsumorientierten Wirtschaft wandelt. Die Leistungsbilanz ist mittlerweile fast ausgeglichen.

    Wachstum, Stimmung und Trend

    In Prozent

    Diese Grafik zeigt für einen Durchschnitt von Schwellenländern das Wachstum des realen BIP, dessen Trend und ein vorlaufendes Konjunkturklima seit 1995. Unser vorlaufender Stimmungsindikator lässt für die Schwellenländer in der nächsten Zukunft ein Wachstum zwischen 4 und 5 Prozent erwarten.
    Quelle: Thomson Reuters Datastream, PostFinance

    In den Schwellenländern hat sich die Stimmung im vergangenen Monat abgeschwächt. Das aktuelle Niveau des Konjunkturklimas lässt von seiten der Schwellenländer insgesamt wenig Wachstumsimpulse für die globale Konjunktur erwarten.

Globale Konjunkturdaten

Indikatoren Schweiz USA Eurozone GB Japan Indien Brasilien China   
Indikatoren
BIP J/J 2018Q4
Schweiz
1,5%
USA
3,0%
Eurozone
1,2%
GB
1,4%
Japan
0,3%
Indien
6,6%
Brasilien
1,1%
China   
6,4%
Indikatoren
BIP J/J 2019Q1
Schweiz
1,7%
USA
3,2%
Eurozone
1,2%
GB
1,8%
Japan
0,9%
Indien
5,8%
Brasilien
0,4%
China   
6,4%
Indikatoren
Konjunkturklima
Schweiz

USA

Eurozone
GB

Japan
+
Indien
+
Brasilien
+
China   

Indikatoren
Trendwachstum
Schweiz
1,5%
USA
2,0%
Eurozone
1,2%
GB
1,8%
Japan
0,8%
Indien
6,9%
Brasilien
0,6%
China   
5,8%
Indikatoren
Inflation
Schweiz
0,3%
USA
1,8%
Eurozone
1,1%
GB
2,1%
Japan
0,7%
Indien
3,2%
Brasilien
3,2%
China   
2,8%
Indikatoren
Leitzinsen
Schweiz
-0,75%
USA
2,40%
Eurozone
0,00%
GB
0,75%
Japan
-0,10%
Indien
5,40%
Brasilien
6,00%
China   
4,35%

Quelle: Thomson Reuters Datastream, PostFinance

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